Adonis Rose - Interview

Das New Orleans Jazz Orchestra war Protagonist am JazzAscona. Interview mit dem Dirigenten Adonis Rose

Adonis Rose

Absoluter Protagonist der beiden letzten Abende am JazzAscona ist das New Orleans Jazz Orchestra unter der Leitung von Adonis Rose. Die Formation, die bereits 2009 mit einem Grammy Award ausgezeichnet wurde, ist zur Zeit sicher das beste Orchester in New Orleans. In Ascona gibt es zwei Konzerte, heute Abend mit einem Programm, das an 100 Jahre Jazz in New Orleans erinnert, morgen Abend präsentiert das Orchester in europäischer Erstaufführung sein neues Album Songs. The Music of Allen Toussaint. Dies ist ein Querschnitt durch die bekanntesten Titel aus der Karriere des berühmten Pianisten und Sängers, von Tequila bis Southern Night, von Working in a Coal Mine bis Java, alles für Big Band neu arrangiert. Darüber haben wir mit dem künstlerischen Leiter des Orchesters, dem Schlagzeuger Adonis Rose gesprochen.

Mr. Rose, zu Beginn würde ich gerne mit Ihnen über die unzähligen musikalischen Partner ausserhalb der Welt des Jazz sprechen: Public Enemy, Chaka Kahn, Gerald Levert, um nur einige zu nennen. Ihre Vielseitigkeit als Komponist und Musiker beweist einmal mehr, dass der Jazz seit jeher ein Musikstil ist, der sich auch Einflüssen von aussen öffnet. Was meinen Sie dazu und wie sehen Sie die Jazzszene der letzten zehn Jahre?
Ja, ich habe mit vielen Gruppen ausserhalb des Jazz gespielt und tue das, seit ich mit Musik angefangen habe. Persönlich glaube ich, dass Jazz der amerikanische Beitrag an die Welt ist und jede Art der amerikanischen Musik beeinflusst hat. Jazz war dank Künstlern wie Louis Armstrong, Duke Ellington und Billy Eckstine jahrzehntelang die Volksmusik. Wenn man an die Entwicklung der amerikanischen Musik denkt, kommt man nach der Erfindung des Jazz in chronologischer Reihenfolge zu Künstlern, die zum Blues übergingen, zur instrumentalen Form des Jazz oder andere, die direkt von Jazzmusikern beeinflusst wurden. Als Jazzmusiker mit einer fast 30-jährigen Karriere habe ich bedeutungsvolle Veränderungen im Panorama der Musik im allgemeinen und im Jazz im besonderen erlebt. Mit der Geburt und dem Heranwachsen des Rap und dem Kollaps des R&B und dem Aufgeben des Swing durch die neuen Generationen wurde es interessant zu beobachten, wie es zahlreichen Musikern zum Vorteil gereichte, unter der Etikette  "Jazz" an Jazzfestivals und in Clubs aufzutreten. Und das leider oft zulasten wahrer Botschafter des Jazz, die gleichzeitig vernachlässigt werden.

Wann in Ihrem Leben haben Sie verkündet <OK, wenn ich gross bin, werde ich Musiker!> Wie wichtig war die Familie für Ihre musikalische Entwicklung? Gibt es in der engeren Verwandtschaft weitere Musiker?Es gibt sowohl auf der Seite meiner Mutter wie auf Vaters Seite Musiker. Meine Mutter ist in einem Gospelchor gross geworden, und mein Vater ist Schlagzeuger, wie ich auch. Mein Grossvater hat das Beispiel dem Sohn und dem Enkel vorgemacht. Mein Onkel, Chris Severin, ist ein international bekannter Bassist. Mein erstes Schlagzeug hatte ich, bevor ich fünf Jahre alt war, und ich begann auch gleich, darauf zu üben. Ich spielte in einer Marching Drum Section bis ich ins New Orleans Center for Creative Arts eintrat, zur Zeit des Gymnasiums. Nach sechs Monaten, Ellbogen an Ellbogen mit begabten jungen Musikern, die ebenfalls das NOCCA besuchten, Leuten wie Nicholas Payton, Mark Braud, Jason Stewart und Dwight Fitch, habe ich begriffen, dass ich Jazzmusiker werden und für den Rest meines Lebens bleiben würde.

Mit “The Music of Allen Toussaint. Adonis Rose & The New Orleans Jazz Orchestra” gibt sich der Jazz eine zarte Funktönung. Wie ist dieses Projekt entstanden, das einem der grossartigsten Musiker der letzten 60 Jahre gewidmet ist? Das Allen Toussaint gewidmete Projekt entstand aus einem Telefongespräch mit Dee Dee Bridgewater. Dee Dee ist eine grosse Gönnerin des New Orleans Jazz Orchestra und allem, was es vertritt. Sie war auch entscheidend beteiligt an der Wiedergeburt des Orchesters nach den schlimmen Unsicherheiten infolge der gerichtlichen Probleme, denen der Gründer Irvin Mayfield entgegen ging. Es ging damals darum, unsere Aktivitäten neu zu lancieren. Das Orchester ist ja nicht nur der Klangkörper, es ist eine Institution, eine Non-profit Vereinigung. Mit Dee Dee habe ich Ideen ausgetauscht und sie schlug vor, eine CD mit der Musik von Allen Toussaint zu produzieren. Ich fand die Idee grossartig und verfolgte sie sogleich mit Enthusiasmus. Gleichzeitig war ich neugierig, wie wir uns als Band mit Allen Toussaints Musik auseinandersetzen würden. Ich gebe zu, dass ich mich dieser Aufnahme aus verschiedenen Gründen sehr nahe fühle. 

Was erwartest Du von den beiden Konzerten in Ascona?
Es ist alles so aufregend! Und für die Zukunft erahne ich viele Möglichkeiten, mit Ascona zusammen zu arbeiten. Wir werden sehen.

Nach dem Ansehen von “When the Levees Broke: A Requiem in Four Acts” von Spike Lee und der Serie Tremé von HBO bekommt man den Eindruck, dass New Orleans wie der Phoenix aus seiner eigenen Asche wieder auferstanden ist. Wie haben Sie 2005 die Tragödie des Hurrikans Katrina erlebt, und wie sehen Sie den Beitrag der Musik zum Wiederaufbau der Gemeinschaft? 
“When the Levees Broke” hat der ganzen Welt gezeigt, was wirklich während und nach dem Wirbelsturm Katrina geschehen ist. “Tremé” hat zur Förderung der Kultur von New Orleans beigetragen und hat konkrete Möglichkeiten für Musiker, Künstler und Schauspieler eröffnet, nach dem Sturm wieder zu arbeiten. Katrina zwang die ganze Stadt, dicht zu machen, und die meisten Einwohner mussten wegziehen. Ich ging in die Gegend von Dallas/Fort Worth, wo ich zehn Jahre lang blieb, bevor ich endlich wieder nachhause zurück fand. Die Musik von New Orleans ist auf mancherlei Art speziell, aber das ist schwierig zu erklären. Sie ist ein Hoffnungsträger, wird mit andern geteilt, hat etwas Stammesmässiges, Einschliessliches, Fortschrittliches, das nirgendwo sonst in der Welt wiederholt werden kann. Der Jazz ist die Verkörperung des Geistes von New Orleans. Wie könnte die Stadt wieder strahlen und leben ohne ihn?

MATTEO CESCHI