Monty Alexander - Interview

Der jamaikanische Starpianist Monty Alexander feiert am 6. Juni seinen 75. Geburtstag und drei Wochen später am JazzAscona den 100. Geburtstag seiner grossen Inspiration Nat King Cole

Monty Alexander

Sie widmen Ihr Konzert in Ascona dem 100. Geburtstag von Nat King Cole. Was bedeutet er Ihnen?
Monty Alexander:
Nat King Cole war ein sehr wichtiger Musiker für mich. Kennengelernt habe ich ihn bereits als kleiner Junge in Jamaika. Meine Eltern spielten oft seine Platten und tanzten dabei durchs Wohnzimmer. Damals wusste ich noch nichts von dem grossen Künstler, hörte einfach seine wunderbaren Balladen und Lieder. Als ich elf Jahre alt war, kam er für ein Konzert nach Kingston und ich durfte ihn live erleben. Sein eleganter Stil, seine geschmeidige Erscheinung beeindruckten mich tief, und noch mehr sein Klavierspiel. Neben Oscar Peterson und Art Tatum hatte er grössten Einfluss auf meine musikalische Entwicklung.

War er als Sänger gleich gut wie als Pianist?
Er war als Sänger und als Pianist grossartig. Es war seine Stimme, mit der er sein Publikum bezaubern konnte - mit Klang, Artikulation und Ausdruck. Das Klavier geriet dabei etwas in den Hintergrund.

Welche Songs von Nat King Cole zählen zu Ihren Favoriten?
Ich liebe sie alle! Egal, ob Balladen oder seine Interpretationen amerikanischer Standards von George Gershwin und Cole Porter. Die Swing-Songs, wie «Straighten Up And Fly Right» oder «Route 66», waren unter den Musikern sehr populär. Darüber hinaus sang er eine Menge wenig gespielter Songs.

Und was werden Sie in Ascona spielen?
Ich habe mich für seine populärsten Songs entschieden, darunter das wunderbare «Unforgettable». Nats Tochter Natalie hat es 1991 als Hommage an ihren Vater als virtuelles Duett mit ihm interpretiert. Sie, die vorwiegend Pop- und R’n’B-Songs sang, bat mich, sie auf Nats Stil einzustimmen, was ich gerne tat. Es war mir eine Ehre, ihr beim Einstudieren der 20 Songs auf dem Album «Unforgettable ... With Love» zu assistieren. Wo sonst kommt man dem Geist von Nat King Cole näher, als bei der Arbeit mit einem Familienmitglied?

Wo in der Musikgeschichte würden Sie ihn einordnen?
Sein Erfolg war weltumspannend. Nat war auch in Europa, Japan und Südamerika berühmt. Er war der erste Jazzmusiker, der den Status eines Popstars erreichte. Er repräsentiert für mich das Beste, das es in der Musik gibt. Ein bewunderswerter Künstler und allseits geschätzter Mensch! Was für ein Jammer, dass er bereits mit 45 Jahren sterben musste!

Wollen Sie Nats Songs neu erfinden oder werden sie gut erkennbar sein?
Jeder Künstler möchte dem, was er macht, seinen Stempel aufdrücken, aber Nat King Cole ist ein Teil meiner selbst, meine zweite Natur sozusagen. Ich habe die Absicht, das Original zu würdigen und trotzdem mein eigenes Ding zu machen.

Was hörten Sie auf Jamaika in den 1940er und -50er-Jahren sonst noch?
Ausser Nat am liebsten Louis Armstrong. Beide waren in der Lage, eine gewisse Stimmung heraufzubeschwören, die einem warmen Glücksgefühl sehr nahe kommt. Das empfinde ich heute noch so. Jamaika hat natürlich seine eigenen Rhythmen, sprich den Calypso-Sound und die Island Songs, die Harry Belafonte weltberühmt machten. Von den R&B-Stars waren vor allem Fats Domino und Little Richard meine Helden. Und ich hörte die grossen Pianisten der Klassik - Rachmaninow, Chopin - und alle hatte einen gewissen Einfluss.

Wie sah Ihr Leben aus, als Sie 1961 mit Ihrer Familie 1961 nach Miami zogen?
Als ich mit 17 nach Amerika kam, ahnte ich noch nicht, in welche Richtung sich mein Leben entwickeln würde, doch eine mystische, innere Stimme forderte mich auf, weiter  Klavier zu spielen, was ich in Bars und Clubs auch tat. So schlitterte ich in diese Welt hinein und wenn ich heute zurückblicke, betrachte ich es als grossen Zufall, dass daraus eine Musiker-Karriere wurde. Meine Tage als Teenager verliefen unspektakulär - bis ich die Bekanntschaft von berühmten Sängern wie Nat, Bing Crosby, Tony Bennett und Frank Sinatra machte.

Wie kam es dazu?
Die erste Begegnung mit Frank Sinatra im Club eines seiner Freunde war wie ein Blitzschlag. Danach bat er mich, in New York für ihn zu spielen, wo er die Songs sang, die ich bereits von Nat King Cole kannte. Ich bewegte mich nun in der Welt des Great American Songbooks. Ausserdem war ich ein grosser Fan des Boxsports. Ich besuchte die Fights und stellte fest, dass es die Boxer wie die Musiker hielten: Sie taten sich gegenseitig nicht weh, wenn sie aus derselben schwarzen Community stammten. Mein Freundeskreis setzte sich aus lauter Gleichgesinnten zusammen – Musik-, Baseball- und Boxverrückten! (Lacht) - und ich wage es zu behaupten, dass sie mich vor den Drogen bewahrte, denn die waren jederzeit verfügbar.

Die Leidenschaft fürs Boxen teilten Sie insbesondere mit Miles Davis. Sassen Sie gemeinsam am Ring oder schauten Sie sich die Kämpfe im Fernsehen an?
Miles Davis schätzte meine Gesellschaft und nahm mich dreimal in den New Yorker Madison Square Garden mit. Damals war Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nannte, mit seinem variantenreichen Boxstil einer der interessantesten und grössten Champions. Ich sah ihn oft und traf ihn sogar einmal persönlich.

Worüber haben Sie gesprochen?
Ich fragte ihn, ob er Jazz möge ... (Lacht) Ali bejahte. Einer seiner besten Freunde war der Sänger Sam Cooke, der wie Nat King Cole von der Kirchenmusik beeinflusst war. Sie kamen beide von der Chicagoer South Side. Als kleiner Junge musste Nat in der Kirche seines Vaters Klavier spielen. Der forderte die Gläubigen bei seiner Predigt häufig auf: «Straighten up and fly right!» Daraus machte Nat einen seiner wichtigsten Songs. Schwarze Musiker und Boxer hatten gute Verbindungen zueinander, und wenn sie sich in Bars trafen, waren es die Boxer, die den gesunden Lebensstil vertraten, denn sie durften keinen Alkohol trinken.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Auftritt in Ascona?
Das war noch in den Anfängen des Festivals. Die Atmosphäre war toll. Man spürte die grosse Jazz-Leidenschaft der Organisatoren. Ich bin glücklich und dankbar, nach so vielen Jahren wieder dabei sein zu dürfen. Ich bringe zwei tolle Musiker mit. Das Konzert wird vor allem eine Würdigung von Nat King Cole. Ich werde mit ihnen aber auch eigene Songs zum Besten geben.