Othella Dallas - Interview

Othella Dallas wird mit dem Swiss Jazz Award 2019 ausgezeichnet: Mit 93 Jahren ist sie die alte Dame des Jazz, Blues und Funk und bringt das Publikum noch immer zum Kochen mit ihrem

Die charismatische Jazzsängerin und Tänzerin Othella Dallas (93) tritt am JazzAscona (23. bis 29. Juni) auf. Die Wahl-Baslerin, die ihr Publikum noch immer mitreisst, wird anlässlich ihrer Konzerte mit dem Swiss Jazz Award ausgezeichnet.

Othella Dallas, Sie haben gerade eine Tanzklasse gegeben und scheinen kein bisschen müde – mit 93!
Ich kann es selbst kaum fassen, aber ich habe mehr Energie als in jungen Jahren. Es steckt eine so unbändige Lebensfreude in mir, dass ich gar nicht weiss, wohin mit ihr! (Lacht)

Was bedeutet Ihnen der Swiss Jazz Award, der Ihnen in Ascona verliehen wird?
Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich, dass über mein Leben berichtet wird. Ich kann es noch immer kaum glauben, dass ich ihn kriegen soll.

Sie treten zum dritten Mal am JazzAscona auf. Welche Erinnerungen haben Sie an 2009 und 2011?
Spontan fällt mir dazu ein, dass man mir damals getrost einen etwas höheren Stellenwert hätte beimessen können. Ich rannte von hier nach dort, gab mehrere kleinere Konzerte und dachte dauernd, ich würde auf der falschen Bühne stehen. Der mir gebührende Platz wäre das Zelt. Nie wieder wollte ich nach Ascona kommen!

Wann haben Sie Ihre Meinung geändert?
Nach einer Begegnung mit dem heutigen JazzAscona-Direktor Nicolas Gilliet. Als er mich ans Festival einladen wollte, erzählte ich ihm von meinen Erfahrungen. Darauf versprach er mir einen Auftritt im grossen Zelt. Und nun bekomme ich auch noch den Award! Da scheint ein Gebet erhört worden zu sein. (Lacht)

Sie sind Amerikanerin und verbrachten den Grossteil Ihres Lebens in der Schweiz. In welchen Situationen fühlen Sie sich als Schweizerin?
Ich fühle mich weder als Schweizerin, noch als Amerikanerin. Für mich gilt: «Wherever I Lay My Hat, That’s My Home» (Wohin ich meinen Hut lege, da bin ich zuhause).

Was haben Sie in den 50er-Jahren an der Schweiz besonders geschätzt, als Sie nach Zürich gezogen sind?
Es herrschte eine grosse künstlerische Freiheit, gerade was Tanz und Gesang anbelangt. In Amerika war man früher weniger aufgeschlossen für unvertraute Kunst.

Eine schwarze Tänzerin hatte es damals in den USA wohl besonders schwer...Absolut richtig. Manche versuchten uns Schwarze zu töten, andere gaben uns immerhin Brot. Ich sehe die Warteschlangen beim Bäcker heute noch vor mir! Manches ist seit damals besser geworden, aber gibt es immer noch viel Leid und Trauer unter der schwarzen Bevölkerung Amerikas.

Ihr Talent fürs Singen und Tanzen hat Ihnen Türen geöffnet ...
Es hat mich aber nicht davor bewahrt, äusserst hart arbeiten zu müssen. Meine Mutter war als erste schwarze Jazzpianistin, die in St. Louis im Radio aufgetreten ist, einerseits ein Vorbild. Anderseits wurde ich in unserem Frauenhaushalt immer herumkommandiert. Diesen Befehlston habe ich leider verinnerlicht - und darunter leiden meine Tanzschüler. «Sagen Sie nie bitte?», fragen die öfters, und ich antworte: «Nein, machen Sie einfach, was ich sage!»

Wie wurden Sie zur Schülerin der berühmtesten afroamerikanischen Choreografin Katherine Dunham?
Als ich sie im berühmten Musicalfilm «Stormy Weather» sah, wusste ich augenblicklich, dass ich sie als Lehrerin wollte. Nichts auf der Welt konnte mich davon abhalten. Ich reiste nach St. Louis an eine Audition und wurde von ihr ausgesucht – wegen meines Talents, wie sie sagte. Das Geld für den Unterricht an der Dunham School of Theatre and Dance in New York musste ich allerdings mit Putzen abverdienen.

Was haben Sie bei ihr gelernt?
Beim Tanzen kommt es auf die innere Haltung an. Du musst quasi zum Tanzen verdammt sein. Tanzen ist dein Schicksal und daraus gibt es kein Entrinnen.

Was machte Dunham zur Pionierin?
Sie suchte als schwarze Tänzerin neue, eigene Wege und fand sie im Rhythmus. Als Tanz-Anthropologin entwickelte sie von Grund auf neue Techniken für «ihre» Leute, wie sie sagte, und meinte damit für Schwarze.

Wie war Ihre Zusammenarbeit mit ihr?
Sie war vom Choreographieren geradezu besessen und forderte von uns Tänzerinnen einen ebenso grossen Einsatz. Die Bewegung jedes Körperteils musste perfekt stimmen. Alle Tänze, die sie im Ausland gelernt hatte, probte sie mit uns so lange, bis sie bühnenreif waren. Die Trommeln, die den Rhythmus vorgaben, rissen das Publikum von den Sitzen und brachten es zum Mitstampfen.

Als Solo-Tänzerin stiegen Sie in eine andere soziale Klasse auf. Wie überwältigend war das für Sie als junges Mädchen?
Ich kenne beide Seiten der Medaille: Die Plackerei für die Ausbildung in New York und den Ruhm auf der Tournee, wo ich Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten kennenlernte. Als unsere Truppe in London zu einer Party der High Society eingeladen wurde, zogen wir es dennoch vor, in ein Pub zu gehen.

Hatten Sie schon erste Liebschaften?
Nein, ich hatte keine Zeit dafür! Zudem mochte es nicht, betatscht zu werden und empfand das Geknutsche ich als würde- und seelenlos. Mein Körper gehört mir, da lasse ich niemand anderen ran! (Lacht und fasst den Interviewer am Arm)

Wo sind Sie Ihren späteren Ehemann, dem Zürcher Ingenieur Peter Wydler, begegnet?
Die Geschichte fing an der Dunham School an, wo ich studierte. Nach den Trainings war ich so fertig, dass ich gar keine Energie mehr hatte, um auszugehen. Geld dafür hätte ich sowieso keins gehabt - es dauerte schon lange genug, bis ich mir ordentliches Essen leisten konnte. Da tauchte eine Journalistin aus Vevey auf, um über Jazz zu recherchieren. Sie gab mir drei Fotos von Schweizern, die gerne Brieffreundschaften eingehen würden, und riet mir zu Peter. Wir haben uns dann zwei Jahre geschrieben, ehe wir uns endlich anlässlich eines Auftritts in Paris erstmals trafen. Bald darauf verlobten wir uns in Davos und heirateten 1949 in Paris.

Mussten Sie sich zwischen Tanz und Ehe entscheiden?
Diese Entscheidung traf mein Ehemann. Nach unserer Heirat war ich noch ein, zwei Monate Mitglied der Dunham Company, doch als sie nach Südamerika aufbrach, liess er mich nicht mitgehen. Er wollte, dass ich bei ihm in der Schweiz blieb, und ich gehorchte. 13 Jahre später, als ich schon als Jazzsängerin auftrat, besuchte mich Quincy Jones, mit dem ich schon bei der Blues-Oper «Free And Easy» zusammengearbeitet hatte, in Binningen und bat mich, ihn auf seiner Japan-Tournee zu begleiten. Da mein Mann darüber wenig erfreut war, verzichtete ich darauf.

Waren die Tanzschulen, die Sie führten, ein Trost, dass Sie für Ihren Ehemann und Sohn auf eine noch grössere Karriere im Showbusiness verzichteten?
Ja, sie waren für mich sehr wichtig. Als ich die Tanzschule in Basel, die mein Mann mir 1975 geschenkt hatte, schliessen musste, geriet ich in eine veritable Lebenskrise. Ich wusste nicht mehr, ob ich noch genügend Kraft hatte, um weiter zu tanzen. Mein Sohn Peter warnte mich jedoch: «Wenn du deine Leidenschaft nicht mehr lebst, wirst du sterben.» Darauf suchte und fand er für mich die heutigen Räumlichkeiten.

Die spannendste Frage zum Schluss: Was hält Sie so gut in Form?
Zu tun, was ich tue, zu tanzen und zu singen! Erst kürzlich habe ich in London eine Dunham-Masterclass gegeben. Ich bin dankbar für das Leben, das mir geschenkt wurde, bin neugierig, was es noch bringt, und geniesse das Heute. Ich esse gerne und koche auch für mich allein. Besonders mag ich grosse Steaks und «Schwiinsfüessli» - überhaupt Fleisch, denn ich denke, dass es das ist, was ich brauche! (Sie faucht und lacht dann noch einmal herzerfrischend).

REINHOLD HOENLE